ultrachronos

Preludio/Postludio
6:30
Der Morgen überzieht die Hausmauern mit Pink-, Orange- und
Kupfertönen, breitet blinde Spiegel auf dem Wasser aus. Unbewegtes
Wasser, das am Horizont bläut, in der Bucht noch schwarz ist.
Die erloschenen alten Straßenlaternen gleichen Urnen, zur
Warnung auf eiserne Masten gespießt.
Ich sitze im Fensterkreuz meines Hotelzimmers und rauche, tippe
Asche zwei Stockwerke hinunter, habe seit Stunden den Wein dieser
Insel aus einem Zahnputzglas getrunken und fühle mich zu nichts
verpflichtet, als sei das Wichtigste erledigt.
1.
Irgendwo muß man anfangen. Es ist leicht. Irgendwann, mit
irgendwas. Man kann den Anfang später streichen, wenn sich
die Geschichte erklärt hat.
Irgendwo, mitten im Leben. Meinem.
Manche sortieren ihre Vergangenheit nach Städten, in denen
sie lebten, nach Projekten, die sie betrieben, oder nach Stufen
eines inneren Reifeprozesses. Wenn ich an irgendeine zurückliegende
Zeit denke, ist sie stets mit dem Namen der Frau verbunden, mit
der ich zusammen war, zusammensein durfte. Einige haben mich geliebt,
einige habe ich geliebt.
Das Ausmaß der Schnittmenge entscheidet über sovieles.
Erste Symptome? Vieles kommt dafür in Frage. Es gab eine zeitliche
Grauzone nicht eindeutiger Phänomene. Das Meiste von dem, was
in Frage kommt, habe ich vergessen, oder kann es nicht mehr nachvollziehen;
es ging zu unscheinbar vor sich. Beweisbar ist nichts. Meinem Gefühl
nach läßt sich der große Umbruch kaum auf einen
Zeitpunkt festlegen, er kam schleichend. Lange noch konnten die
Symptome mit Vernunftkonstrukten erklärt und aufgefangen werden.
2.
Für mein Londoner Debut standen Strauss' Metamorphosen und
Bruckners Neunte auf dem Programm. Entrückungsmusik, mit mehr
als einem Bein im Jenseits. Ich hatte mich vehement gegen eine Pause
zwischen den beiden Stücken ausgesprochen, erfolglos.
Die Pause sei angeblich schon deshalb nötig, um jenen, deren
Aufnahmefähigkeit für beide Programmpunkte nicht ausreiche,
eine Möglichkeit zu geben, den Konzertsaal ohne Störung
zu betreten bzw. zu verlassen. Meine Forderung, die Türen während
des Konzerts geschlossen zu halten, wurde als anachronistisch empfunden,
gelangte durch eine Indiskretion in die Tagespresse - und einige
Kritiker bereiteteten sich darauf vor, mich energisch abzustrafen,
schilderten in den Vorabberichten meine Taktführung als romantisch
verbrämt, elegisch bis schwülstig, dann wieder nordisch-arisch-karajanisch
(was immer das sein soll), Attribute, die mir allesamt fern liegen.
In gewissen majuskelverliebten Schmierblättern wurde sogar
vor dem gefährlichen Sauerkraut-Mystagogen gewarnt, der Strauss
und Bruckner den Briten in einer Art neogroßdeutscher, in
den Grenzen von '42 angesiedelten Interpretation nahebringen wollte.
Erstaunlicher Vorwurf bei einem zart-tristen Werk wie ausgerechnet
den Metamorphosen, geschrieben im Herbst '45 quasi auf dem Schuttberg
der deutschen Kultur. All dieser Wahnsinn, nur weil ich dringend,
doch höflich, darum gebeten hatte, auf eine Pause zu verzichten,
Pausen zerstören meine Konzentrationsfähigkeit - und beide
Werke zusammen erreichen gerade einmal Spielfilmlänge, also
bitte.
Das Londoner Orchester empfing mich kühl, wie einen Parvenü,
der sich mit chauvinistischen Provokationen nach oben fuchteln wollte.
Über den Proben lag ein irrationales, unausgesprochenes Mißtrauen.
Als ich die Entfernung eines Posaunisten forderte, der meinem Gehör
nach nur über eine Lotterie seinen Platz im Bläsertrakt
erschwindelt haben konnte, glitt die Diskussion mit dem Konzertmeister
in gewerkschaftliche Dimensionen ab, mir wurde vorgeworfen, den
Halbgott im Frack zu geben, die Zeiten eines Toscanini seien passé.
(Ich dirigiere so gut wie nie im Frack, das nebenbei.) Der wohl
nie mehr zu tilgende Minderwertigkeitskomplex mancher, ich sage
mancher Briten, über zuwenige Komponisten von Wert zu verfügen,
schlug sich bis in die zweiten Geigen nieder. Möglicherweise
habe ich mich hier und da ungeschickt benommen. Wie dem auch sei,
die Proben verliefen nicht nur in klanglicher Hinsicht unharmonisch.
Ich setzte mir, schlimm eigensinnig, eine hübsche Klarinettistin
in den Kopf, es kam zum großen Krach. Eine aktualisierte,
unbanale Deutung von Strauss' und Bruckners Werken erschien nicht
länger realisierbar, und ich erschien nicht mehr zur fünften
Probe, trieb mich stattdessen in einem Sohoer Pornokino herum. Was
gleich darauf die Presse durch mich selbst erfuhr. Wenn schon Skandal,
dann richtig. Ich posierte für die Kameras mit einer fast zahnlosen
Stripperin im Arm. Gab ein Interview, in dem es hieß, daß
die zahnlose Stripperin blasfertiger sei als etwaige Posaunisten
gewisser ortsansässiger Orchester. Man kündigte prompt
meinen Vertrag, die Medien schenkten mir enorme Aufmerksamkeit,
mein Publikum würde fortan vermutlich jugendlicher sein, ich
war frei. Nahm an, daß der Skandal meiner Reputation nicht
schaden würde, im Gegenteil. Derlei Konflikte besitzen ihre
eigene Dynamik, jedenfalls war alles besser, als das geplante Konzert
Wirklichkeit werden zu lassen. London lag mir auf gewisse Art zu
Füßen, auch wenn sich dadurch die Bißspuren in
meinen Waden vervielfachten. Na gut. In einer Neidgesellschaft gilt
bloßes Können bereits als Arroganz. Vom Mittelmaß
exzentrisch genannt zu werden, ist natürlich. Ich würde
mich selbst eher experimentierfreudig nennen.
Obwohl mir viel daran liegt oder lag, (man muß inzwischen
zum Imperfekt greifen), Musik, die ich liebe, der Welt so zu präsentieren,
wie niemand sie ihr zuvor präsentiert hat, lag mir fast genausoviel
daran, beachtet, gefeiert und von schönen Frauen sexuell umsorgt
zu sein. Die Gleichzeitigkeit künstlerischer Seriosität
wie hemmungsloser Triebkraft stellt in den Augen manch sonderbarer
Zeitgenossen noch immer einen Widerspruch dar, mir unbegreiflich.
Einige Kommentare kanzelten mich als geil-arroganten "Prussian
Herrenmensch" ab, (ich komme aus München) andere, wohlwollendere,
erinnerten an Klaus Kinskis Eskapaden, damit war die Sache bereits
so gut wie gerettet, meine Zukunft schien gesichert. Die erwähnte
Klarinettistin habe ich schließlich auch noch bekommen, es
kostete 20.000 Pfund, nie war ein tiefgefrorerener Fisch überbezahlter,
weißgott. Egal. Ich dachte darüber nach, ob ich vielleicht
doch in Talkshows gehen sollte, legte mir ein künftiges Programm
zurecht, das besser zu meinem neuen Image passen würde, eruptiver,
erotischer. Strawinskys Sacre zum Beispiel.
Bruckners Neunte und Strauss' Metamorphosen standen meinem Herzen
viel näher, konnten indes noch auf mich warten. Solche im Ruch
des Vergeistigten stehende Werke nimmt das Publikum älteren
Interpreten viel kritikloser ab. Ich hatte einen tollen Beruf. Unabhängig
davon, wie ich mich geistig fühlte, war meine irdische Hülle
für die eines Dirigenten geradezu frischlingshaft jung. Mit
Vierzig wird man in diesem Betrieb kaum ernstgenommen, und egal
auf welche Weise man Bruckners Neunte dirigiert - sollte es vom
Gehörgängigen nur minimal abweichen, wird man als
jugendlicher Revoluzzer gehandelt. Jetzt wollte ich nichts weiter,
als drei Wochen Ruhe und Rauschmittel genießen, wollte wehmütig
dabei an Claudia denken, die mir verlorengegangen war - und machte
mich in Annabelles Apartment breit, das direkt im Herzen South Kensingtons
liegt. Annabelle - lesbischer Sopran, unsere Freundschaft basierte
auf gegenseitigem beruflichem Respekt - sang noch den Rest des Monats
in New York. Ich mochte ihre verwinkelte Wohnung. Ein süßes
kleines, weiß und rot und mit viel Art Deco (aber auch mit
Lavalampen) eingerichtetes Apartment, erster Stock Altbau, zwei
Gehminuten vom Park entfernt. Ich fütterte Grauhörnchen,
die einem dort an den Hosenbeinen hinaufklettern, gönnte mir
alle drei Tage eine Luxusnutte vom Escort-Service, ließ indisches
oder vietnamesisches Essen kommen, studierte ein wenig Partitur.
Kokain nahm ich in diesen Wochen keines. Kokain alleine zu nehmen,
bringt nicht viel mehr als eine starke Tasse Kaffee. Meiner Laune
nach wäre die Reihe der noch auszuprobrierenden Genußgifte
am Opium gewesen, aber ich kannte niemanden in London, der mir welches
besorgen konnte. Also trank ich exzellenten Rotwein und las Rilkes
Duineser Elegien, was einen passablen Ersatz darstellt. Die meiste
Zeit war ich nüchtern, um das nur klarzustellen. Gesundheitlich
ging es mir gut, von leichten Problemen mit dem Rücken abgesehen,
ich bin von robuster Natur; mit meiner Frau Laura telefonierte ich
jede Woche, fast ohne zu streiten, entdeckte sogar eine gewisse
Sehnsucht wieder, mit ihr von unserem Kanapee am Las Canteras aus
das kanarische Meer zu betrachten, vorausgesetzt, daß Laura
still bliebe. Von Einems Dantons Tod, eine der besten, dramatischsten
und unterschätzesten Opern des zwanzigsten Jahrhunderts, hätte
meine nächste Verpflichtung werden sollen, zur Saisoneröffnung
in Stuttgart, aber dazu kam es nicht mehr.
Ich hatte ausnahmsweise viel Zeit, über meine Wünsche,
meine Karriere, mein Älterwerden und das Älterwerden der
Welt überhaupt, nachzudenken. Vielleicht genügte allein
schon dieser Umstand, um die folgenden Geschehnisse ins Rollen zu
bringen. Es würde im Umkehrschluß bedeuten, daß
der übliche Arbeitstrott als betäubender Mechanismus womöglich
ausgereicht hätte, um Dinge, die weit weg von mir ihren Lauf
nahmen, gar nicht erst geschehen zu lassen. Das klingt irrational,
aber ich will es nicht völlig von der Hand weisen. Ich bin
nicht mehr in der Position, um irgendetwas von der Hand zu weisen.
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