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Ein Interview von Heiner Link

Helmut Krausser ist einer der renommiertesten jungen Schriftsteller. Mit Romanen wie "Melodien", "Thanatos" oder dem vor kurzem erschienenen "Der Große Bagarozy" hat der 34jährige bei Publikum und Kritik regelmäßig für Aufsehen gesorgt. Seit mehr als 10 Jahren gehört Krausser zu den meistdiskutierten Autoren - aber stimmt beim Kassensturz auch das Verhältnis von Honor und Honorar? Heiner Link befragte den Münchner über "Soll und Haben" eines Erfolgsschriftstellers

 

Brecht soll einmal gesagt haben: "Nur wer in Luxus und Wohlstand lebt, lebt wirklich." Reich-Ranicki sagte, er würde lieber im Taxi als in einer Straßenbahn weinen. Was sagt Helmut Krausser?

Geld ist ein Mittel für Genussgifte aller Art. Sichert die Reproduzierbarkeit der Ekstase, mindert durch regelmäßige Verfügbarkeit aber auch deren Kick. In letzter Zeit ist mein Lebensstandard gestiegen. Besser habe ich mich dadurch selten gefühlt. Höchstens die Angst, einmal kurzfristig vor dem Bankrott zu stehen, ist etwas weniger geworden.

 

In Deiner Biographie taucht immer zuerst die Bezeichnung "Spieler" auf. Glaubt man Deiner Story "Spielgeld", hast Du die 12.000 Mark, die Du für das Münchner Literaturstipendium bekommen hast, in einer Nacht verzockt. Was fasziniert Dich am Spielen?

Das ist lange her, ich bin längst entwöhnt, vor drei Jahren war ich zum letzten Mal im Casino, nein, das ist eine Phase, die passé ist. Aber wenn ich rückblickend antworten soll, dann ging es mir ums Verlieren mehr als ums Gewinnen. Es hatte etwas masochistisch Wunderbares, nach einer langen, wechselvollen Nacht mit Nichts als dem letzten Hemd auf der Straße zu stehen und 20 zu sein. Ich war mir damals dessen nicht bewusst, nein, aber - etwas gewonnen zu haben und zufrieden nach Hause zu gehen, das wäre ein Paradox gewesen, denn schließlich hatte man dann ja noch Geld, um zu spielen, also war alle Zeit, in der man zuhause saß, vertane Zeit.

 

Du bist ein etablierter Autor und stehst bei Rowohlt, einem der größten deutschen Literaturverlage, unter Vertrag. Beste Voraussetzungen also, um vom Schreiben gut leben zu können. Kannst Du das? Fühlst Du Dich als Autor ausreichend gut bezahlt?

Es ist so, dass ich sehr mächtige Feinde habe, die mich bisher von dem üblichen Preiskarussell ausgeschlossen haben. Wenn ich an Kollegen wie Schrott, Hettche, Grünbein etc. denke, dann hat wohl jeder von ihnen etwa das Zehnfache bekommen von dem, was ich an Preisen und Stipendien bekommen habe - zusammen 24 000 Mark in zwölf Jahren aktiver Laufbahn. Dass ich es trotz allem geschafft habe, zu überleben, und dass in keinem meiner Bücher dieser Satz stehen muss: "Gefördert vom Darmstädter Literaturfonds" - darauf bin ich heute stolz..

 

Deutsche Verlage geben Unsummen für Lizenzliteratur aus, während sie die deutschsprachigen Autoren in der Regel mit einem Butterbrot abspeisen. Laut FAZ haben sich diese Verhältnisse in den letzten zwei Jahren gewandelt, weil die Literaturagenten angeblich auch bei uns langsam aber sicher "amerikanische Verhältnisse" etablieren. Wie schätzt Du die Lage ein: Brechen nun goldene Zeiten für deutschsprachige Autoren an?

Wir leben in einer Zeit voller politisch motivierter Kulturlügen. Eine davon war die, dass deutsche Literatur relativ zur amerikanischen nichts tauge. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Woher sollten's die Amis denn auch haben? Nein, hier wurde versucht, die große europäische Kulturtradition zu desavouieren, zum einen aus einer Angst vor mystagogischer Hochkultur, die - blabla - über Wagner - Nietzsche - Hitler in den Holocaust treibt (was ich für Unsinn halte), zum anderen ganz einfach um den amerikanischen Verlagen die Dominanz auf dem wichtigsten außeramerikanischen Buchmarkt zu sichern.

 

Wir haben eine sehr vielversprechende junge deutsche Literatur, und wir haben - leider - ein nicht adäquates, unweltmännisches, geistig veraltetes Feuilleton, das die Literatur in den Abgrund treibt, weil es sie krampf- und standhaft mit obsoleten Parametern bemisst und immer noch glaubt, Nabokov und Proust seien große Autoren gewesen. Ein intelligenter, kreativer Kosmopolit wird sich heute sein Geld anders verdienen als in der Schreibstube der FAZ-Redaktion, von daher ist das, was da her kommt, meist ein verschrobenes Nischen-Liebhaber-Obsessivengeschwätz, das überhaupt keine Vorstellung besitzt, wie weit der Karren schon im Dreck hängt. Andererseits herrscht die Geldrangliste. Ein Trivialliterat wie Umberto Eco gilt als wichtiger Schriftsteller, weil er 50 Millionen Bücher verkauft, und ich muss mir von einem Deppen aus der ZEIT noch allen Ernstes anhören, "Melodien" wäre Eco light!

 

Die Leute lesen noch, ja, aber was lesen sie denn? Anspruchsvolle Literatur ist heute in ihrer gesellschaftlichen Relevanz so tot wie das Theater. Dennoch gibt es Literatur, die sowohl anspruchsvoll ist, als auch gekauft und gelesen wird. Das hat mit Raffinesse zu tun. Man baut seinen Text in vielen Schichten auf, so dass ganz oben eine Schicht erscheint, die selbst ein Depp zu verstehen glaubt. So kann man vor sich selbst die Würde bewahren, ohne hungern zu müssen. Dass ein Buch wie "Die Erfindung der Poesie" von Raoul Schrott Aufsehen erregen kann, ist schön - auch wenn es 500 Seiten pure Scharlatanerie enthält. Schrotts Übersetzungen für sich sind nicht wichtig, vielmehr das Phänomen - es wird z. B. wieder eine Renaissance der Lyrik geben, glaube ich, einer nicht hermetischen Lyrik, die sich an der Antike orientiert, die auch bereit ist, sich wieder handwerklich ambitionierten Formen zu unterwerfen. Der Erfolg von Gernhardt ist zeichensetzend.

 

Man wird sich hierzulande auf allen Gebieten von der amerikanischen Fremdherrschaft emanzipieren, aber das ist eine Sache von Jahrzehnten. Deutsche Bücher haben im Moment im Ausland einen sehr schlechten Ruf, weil das Ausland drei Jahrzehnte meist nur Suhrkamp-Scheiße gekauft hat. Darunter leiden alle. Ich bin überzeugt, dass, wäre ich ein Ami, der "Große Bagarozy" zum Beispiel sofort ein Welterfolg würde, mit ein bis zwei Millionen verkaufter Bücher. Das hat jetzt nichts mit Eitelkeit oder Größenwahn zu tun, das sehe ich auf der Grundlage meiner markttechnischen Kenntnisse. Hier aber, als deutscher Autor, muss ich mir bei knapp 20 000 verkauften Exemplaren schon gratulieren, muss mich sogar beneiden lassen. Pervers. Sagen wir so: Die Zeiten werden besser werden, nicht unbedingt golden. Es kommt jetzt darauf an, wenigstens erstmal auf dem europäischen Markt der deutschen Literatur wieder Geltung zu verschaffen. Unsere Nachbarn müssten sich die guten jungen deutschen Bücher übersetzen lassen, aber noch sitzen in den Verlags-Lizenzabteilungen verfettete 68er rum. Und was empfehlen die einander? Ransmayr. Botho Strauß. Jelinek. Robert Schneider. Mehr oder minder entsetzliches Zeug, das den Blick auf die jungen Helden versperrt. Man weiß, irgendwann wird alles gut, das regelt sich alles von selbst - aber es könnte genauso jetzt gut sein, warum nicht? Warum muss man so lange warten?

 

Du bist einer der produktivsten deutschen Autoren. In einem ZEIT-Interview hast Du Dein Pensum damit begründet, dass Du alle zwei Jahre ein Buch fertig haben musst, um Dich und Deine Frau zu ernähren. Nun ist mit "Der große Bagarozy" jüngst ein kurzer und - nach eigener Aussage - eher "leichter" Roman von Dir erschienen. Du hast die Befürchtung geäußert, man würde Dich damit endgültig zum kommerziellen Schriftsteller abstempeln. Wie hat die Kritik auf Deinen "kleinen Roman" reagiert?

Erstmal sehr positiv, knapp über 90% Lob. Unwichtig. "Thanatos" übrigens, das ich für mein bedeutendstes Buch halte, bekam nur 60% Prozent, und prompt entsteht der Eindruck, so konnte ich es in mehreren Rezensionen lesen, es sei "einhellig verrissen" worden. Ich habe den Bagarozy als leichte Lektüre bezeichnet, das hat aber nichts mit der vorhandenen Tiefe des Buches zu tun. Es ist überhaupt nicht harmlos, nur weil es humorvoll ist. Es ist eine böse gesellschaftsphilosophische Abhandlung über die Rituale der Personenmythifikation und Ikonenbildung. Wenn in einem Buch der Teufel auftaucht, steht er fast automatisch allegorisch für den Sinn-Zustand der Menschheit, ist Luzifer, der Lichtbringer, ist Prometheus. Wie Nietzsche ihn nannte: Der älteste Freund der Erkenntnis. Er beginnt, müde geworden, über seine Rolle im ,großen Spiel' nachzudenken, führt, in einem langen Monolog, eine ethische Debatte über die Duldung des Bösen in der Welt. Darauf wollten viele Rezensenten nicht einsteigen, obwohl ja gleichzeitig mit dem Erscheinen des Buches der Unfalltod von Lady Di passierte, und die Parallelen zum Fall Callas, minutiös aufgereiht, meinem Text eine noch beklemmendere Wirkung gaben.

 

Und wer mich einen Kommerzschriftsteller nennt, muss einen an der Waffel haben. Elitäreres als meine Bücher gibt es nicht. Zweitens: Ich hätte ja alle Möglichkeiten. Einen Pilcher-Roman schreiben und Millionen damit zu verdienen, müsste für jeden Autor gediegenen Handwerks und stilistischen Assimilationstalents eine Sache von zwei Wochen sein. Aber ich mache so etwas nicht, schreibe auch keine Drehbücher unter Pseudonym oder ähnliches. Und das, obwohl ich kein Prinzipienreiter bin. Geld scheint mir also wenig zu bedeuten. Wenn ich das so sage, wundert es mich selbst. Entweder bin ich ein Verrückter oder ein Heiliger. Tatsächlich ist für mich Schreiben eine Art religiöser Akt, es muss Transzendenz dabei entstehen, die Ahnung von Numinosem, bei mir, im Text, oder beim Leser.

 

Abschließend würden wir natürlich gerne wissen, was denn in zwei Jahren von Dir kommt?

Ich hab' noch eine Trilogie zu vollenden. Das wird die Fans der Hagen-Trinker-Frühphase freuen. Der erste, bisher fehlende Band, "Schweine und Elefanten", kommt endlich raus, 1999, wird auch Zeit. Es ist mein Erstling von 1987, den ich damals aufgrund vorhandener Mängel zurückgezogen habe. So kam es, dass zuerst Band 2 und 3 - "Könige über dem Ozean" und "Fette Welt" veröffentlicht wurden, dann wollte ich unbedingt "Melodien" machen, dann "Thanatos", u.s.w., ich musste mich eben weiterentwickeln, und "Schweine" wurde immer wieder verschoben. Heute habe ich für mich einen Punkt erreicht, wo ich gerne mal einen Ausflug unternehme, zurück in diese pyromanisch-expressive Phase, das macht Riesenspaß. Außerdem darf man eine Trilogie nicht unvollendet lassen, sonst bewerfen einen die Götter mit faulen Kürbissen. 2000 erscheint ein Gedichtband, mit dem Besten aus 20 Jahren. Für 2002 ist "Eros" avisiert. Ein Buch, das "Thanatos" heißt, braucht selbstverständlich ein adäquates Gegenstück, sonst wäre die Welt öde und kalt. Ansonsten entsteht bis 2003 noch jedes Jahr ein Tagebuchband, der im Belleville-Verlag erscheint.

 

Das Interview wurde auf Wunsch von Helmut Krausser schriftlich geführt.

 

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Zuletzt aktualisiert 03/2017